Er hob den Kopf einen Zentimeter und sah: die Kröte, die auf ihn zuschritt. Im Passgang. Unerhört! Eine Handbreit vor seinem Gesicht hielt sie an und ließ sich nieder. Und betrachtete ihn mit einem Auge. Das sehr schön war, sah er jetzt, bernsteingelb, eigentlich golden mit einem tiefschwarzen waagrechten Spalt – ist das die Krötenpupille? Sie sah ihn an und er sie. Und auf einmal fühlte er, wie sich die Krötenseele seiner bemächtigte. Auf einmal war er kein Mensch mehr! Er nahm kein Unbehagen mehr wahr, keinen Kopfschmerz, keinen harten Betonboden, keinen Hunger, keinen Durst, sein Geist löste sich auf, Gedanken blieben ungedacht, er fühlte nur noch: hockte breit und behäbig auf glattem kühlem Boden, roch Feuchtigkeit und Moder und abgestandenes Wasser. Hob einen Fuß, schloss ein Auge. Öffnete es wieder. Fühlte ein geschwindes Pochen in seiner Brust und einen kurzen kleinen Atem, eine steinerne Ruhe erfasste ihn, und die Zeit blieb stehen. Ist das wahrscheinlich? Kann man sich in ein anderes Wesen verwandeln? Ja, manche erleben es; meditierende Menschen erleben es leicht. Albert meditierte niemals und erlebte es dennoch. Es ist aber kein Akt des Willens oder Könnens, es lässt sich nicht mit Absicht herbeiführen. Eher ist es so, dass alles Wollen weicht und das Individuum sich auflöst und das Bewusstsein ganz sanft in eine andere Seinsweise hinübergleitet. Lieber würde man sich in einen Adler verwandeln oder in eine Alpendohle – zweckmäßiger wäre in Alberts Fall eine Mücke gewesen, die unter der Tür hindurchgepasst hätte, oder auch ein Wisent, das mit seiner Kraft und seinem Gewicht die Stahltür kurzerhand eingerannt hätte –, aber man kann es sich nicht aussuchen. Es war eine Kröte, die seinen Geist von ihm abzog. Er war eine Kröte und blickte mit Bernsteinaugen in seine schummrige, feuchtkalte Kellerwelt. Warum erwähnen wir den Vorfall überhaupt? Albert Schwarz war doch ein durch und durch materialistischer Mensch, dem alles Metaphysische („Esozeugs“, sagte er) zuwider war; wenn man ihm früher erzählt hätte, dass er einmal eine mystische Gestaltwandlung erleben würde, und zwar eben nicht in einen Schwan wie seinerzeit das hässliche Entlein, sondern in eine Kröte, so hätte er nur gelacht und geantwortet, seines Wissens sei es genau umgekehrt: Man müsse den Frosch – oder die Kröte – entweder küssen oder an die Wand werfen und bekäme davon einen Prinzen. Eventuell eine Prinzessin. Wir erwähnen Alberts Verkrötung, weil sie so kurios ist – ein Materialist und Tierfeind wie er wird zur Kröte, wie absurd ist das denn! – und weil sie der Beginn eines gewissen Niedergangs für ihn war: nicht schlimm; es ruinierte ihn nicht, und er musste auch nicht sein Leben radikal ändern; aber es ging doch manches nicht mehr so weiter wie bisher.

Diese Leseprobe wurde dem Roman ISARSILBER von Isaak Rosenblatt entnommen. ISBN 978-3-7393-7758-2